Veranstaltung: Mein Weg aus der Drogensucht
Am 1. Juni 1999 fand in Stuttgart-Gablenberg eine Veranstaltung zum Thema Drogensucht statt.
Eingeladen war Karl-Heinz M., ehemaliger Drogenabhängiger und nasser Alkoholiker.
Herr M. berichtete sehr offen von seinem traurigen Abstieg in die Drogenszene. Im Suchtdruck hatte er auch nicht davor haltgemacht, seine Eltern zu berauben und Einbrüche zu begehen. Dadurch kam er öfters der Polizei in Berührung, als ihm lieb war. Er wurde mehrmals zwangsweise zum stationären Entzug verurteilt und einmal zu einer Gefängnishaft.
Er berichtete, daß alle Therapien nichts brachten, wie er danach jedesmal wieder abstürzte. Bis schließlich auf die Anonymen Alkoholiker (kurz AA) und das spirituell ausgerichtete 12-Schritte-Programm stieß.
Durch regelmäßigen Besuch der A-Gruppen gelang es ihm schließlich, "trocken" zu werden, wie es im Fachjargon der Suchtkranken heisst. Nun ist er seit 8 Jahren frei von jedem Alkohol- und Drogenkonsum und dabei, sich ein neues Leben aufzubauen.
Die A-Gruppen brauche er weiterhin. Mehrmals die Woche geht er abends in unterschiedliche Gruppen. Die Gemeinschaft mit Menschen, die ähnliches durchgemacht haben, um ihre Genesung von der Sucht kämpfen, und sich ehrlich und ohne Maske begegnen, gebe ihm Kraft. Diejendigen, die es geschafft haben, oder auf dem besten Weg dazu sind, helfen dabei mit ihrem Erfahrungsschatz oder einfach als Beweis, "daß es geht", denjenigen, die noch tiefer drinstecken.
Herr M. nahm immer wieder Bezug auf die "12 Schritte" der Anonymen Gruppen. Der erste Schritt beispielsweise laute "Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos - sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten". Die Erkenntnis, die Sucht nicht kontrollieren zu können und es nicht allein zu schaffen sei die absolute Voraussetzung für die Genesung, dafür, Hilfe zu suchen und anzunehmen.
Der zweite Schritt laute "Wir kamen zu dem Glauben, daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann." Das sei die Voraussetzung, daß man das Wirken Gottes, so wie ihn der Einzelne verstehe, in seinem Leben zulassen könne.
Ein weiterer Schritt handelt von einer Art Rückschau auf das bisherige Leben, ein weiterer von Wiedergutmachung, wenn man anderen Schaden zugefügt habe. Der zwölfte Schritt ermuntert dazu, die Botschaft der Genesung an andere, die noch leiden, weiterzutragen.
Herr M. hatte drei Freunde von den Anonymen Alkoholikern mitgebracht, darunter einen Freigänger, der zur Zeit noch seine Haftstrafe absaß, und jeder berichtete ein wenig von seinem Lebensweg.
Die anwesenden Mitglieder und Gäste der FFVW waren sehr berührt durch diese Offenheit und am Ende der Veranstaltung kam es zu einer regen Diskussion.
Eine der Fragen, die aufkamen, betraf Suchtkranke in der eigenen Familie und wie man ihnen am besten helfen könne. Herr M. meinte, sich in die Problematik des Süchtigen hineinziehen zu lassen, hilft niemanden: z.B. Durch Ignorierung des Schadens und der Verletzungen, die er (der Süchtige)anderen zufügt, durch materielle Unterstützung, durch Vertuschung des Problems nach Aussen. Je mehr man tue, um dem Kranken die vollen Konsequenzen seines Verhaltens zu ersparen, desto mehr verlängere man seinen Leidensweg und zögere den Punkt hinaus, der entscheidend sei für die Genesung: Der "Point of no Return", der Ort ohne Rückkehr. Der Punkt, andem man erkennt daß es nur noch die Alternativen
gebe.
Bei einigen anonymen Gruppen gibt es entsprechende Angehörigengruppen, in denen sich Familienangehörige der Suchtkranken austauschen können.
Desweiteren kam die Frage auf, wie er als ehemaliger Drogensüchtiger zu der Frage stehe, den Konsum "ungefährlicherer" Drogen straffrei zu machen oder gar von Staats wegen an Drogenabhängige abzugeben, um die Beschaffungskriminalität zu senken. Herr M. sprach sich vehement dagegen aus: Die Ersatzdrogen "machen genauso weg" wie "echte" Drogen, setzen die Hemmschwelle herunter und erzeugen durch die Gewöhnung den Suchtdruck nach stärkeren Drogen. Die Freigabe oder gar Ausgabe von Staats wegen sei kontraproduktiv und würde das gesellschaftliche Problem in keinster Weise lösen sondern eher noch verstärken.
Karl-Heinz M. ist wieder ins Gefängnis zurückgekehrt. Diesmal nicht als Krimineller, sondern als Suchthelfer. Er besucht regelmäßig AA-Meetings im Gefängnis Stuttgart-Stammheim.